09. November 2026

Kostendämpfung ist eine gemeinsame Verantwortung – nicht nur eine Belastung der Patientinnen und Patienten

Kostendämpfung ist eine gemeinsame Verantwortung – nicht nur eine Belastung der Patientinnen und Patienten

Die Gesundheitskosten steigen, die Krankenkassenprämien belasten immer mehr Haushalte und der politische Handlungsdruck nimmt zu. Dass die Regierung mit einem umfassenden Reformpaket Gegensteuer geben will, ist grundsätzlich nachvollziehbar. Aus Sicht der Liechtensteiner Patientenorganisation (LIPO) muss bei allen Massnahmen jedoch eine zentrale Frage im Vordergrund stehen: Wie sichern wir ein finanzierbares Gesundheitswesen, ohne den Zugang zu einer qualitativ guten und notwendigen medizinischen Versorgung zu gefährden?

Die LIPO anerkennt, dass das Gesundheitswesen vor strukturellen und finanziellen Herausforderungen steht. Der medizinische Fortschritt, die demografische Entwicklung und die steigende Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen führen zu einer zunehmenden Belastung des Systems. Notwendige Reformen dürfen deshalb nicht grundsätzlich infrage gestellt werden. Gleichzeitig darf die Verantwortung für die Kostenentwicklung nicht einseitig den Versicherten und den Leistungserbringern übertragen werden.

Kostendämpfung muss alle Akteure in die Pflicht nehmen

Wenn über Kostendämpfung gesprochen wird, müssen sämtliche Beteiligten ihren Beitrag leisten. Das gilt für Patientinnen und Patienten und die Leistungserbringer ebenso wie für Krankenkassen, den Liechtensteinischen Krankenkassenverband (LKV) und die öffentliche Verwaltung.

Die LIPO erwartet deshalb, dass auch die Versicherungen und der LKV ihre eigenen Strukturen, Prozesse und Kosten transparent überprüfen und konkrete Beiträge zur Effizienzsteigerung leisten. Es reicht nicht, Anforderungen an Leistungserbringer zu stellen und die finanzielle Beteiligung der Versicherten zu erhöhen. Auch auf Ebene der Versicherungen und ihrer Verbandsorganisationen muss nachvollziehbar werden, wo Einsparpotenziale bestehen und wie diese genutzt werden.

Gleichzeitig ist die öffentliche Verwaltung gefordert, effiziente und schlanke Prozesse sicherzustellen. Administrative Abläufe, Prüfverfahren, Bewilligungen und Berichtspflichten müssen regelmässig auf ihre Notwendigkeit und ihren tatsächlichen Nutzen überprüft werden. Verwaltung darf nicht zum zusätzlichen Kostentreiber werden.

Auch die bestehenden Verbands- und Organisationsstrukturen im Gesundheitswesen gehören auf den Prüfstand. Sind sämtliche Strukturen und Gremien in ihrer heutigen Form noch notwendig? Wo bestehen Doppelspurigkeiten? Wo könnten Aufgaben gebündelt, Prozesse vereinfacht und Ressourcen effizienter eingesetzt werden? Diese Fragen müssen ebenso selbstverständlich gestellt werden wie die Frage nach der Wirtschaftlichkeit medizinischer Leistungen.

Chronisch kranke Menschen dürfen nicht zusätzlich belastet werden

Besonders kritisch beurteilt die LIPO die geplante Aufhebung der bisherigen Befreiung chronisch kranker Menschen von der Kostenbeteiligung. Menschen mit chronischen Erkrankungen benötigen häufig regelmässig medizinische Betreuung, Medikamente und Therapien. Ihre Gesundheitsausgaben sind nicht Ausdruck eines frei gewählten Konsumverhaltens, sondern eine Folge ihrer gesundheitlichen Situation.

Eine einheitliche Regelung mag aus administrativer und systemischer Sicht einfacher erscheinen. Sie wird aber der unterschiedlichen Lebensrealität der Versicherten nicht gerecht. Wer dauerhaft auf medizinische Leistungen angewiesen ist, darf nicht zusätzlich finanziell belastet werden, nur weil er krank ist. Die LIPO fordert deshalb, die Auswirkungen dieser Massnahme sorgfältig zu prüfen und für chronisch kranke Menschen angemessene Schutzregelungen vorzusehen.

Kostendämpfung braucht mehr als finanzielle Steuerung

Die Förderung von Generika und Biosimilars, die Überprüfung von Wirtschaftlichkeit und Zweckmässigkeit sowie die Beseitigung von Fehlanreizen sind sinnvolle Ansätze. Auch eine bessere Koordination zwischen den Leistungserbringern und eine stärkere Ausrichtung auf integrierte Versorgungsmodelle bieten Potenzial.

Entscheidend ist allerdings, dass Wirtschaftlichkeit nicht mit einer möglichst kostengünstigen Behandlung gleichgesetzt wird. Eine Behandlung ist dann wirtschaftlich, wenn sie medizinisch sinnvoll, wirksam und zweckmässig ist und langfristig einen gesundheitlichen Nutzen erzielt.

Kurzfristige Einsparungen dürfen nicht dazu führen, dass notwendige Behandlungen verzögert, Therapien verkürzt oder Patientinnen und Patienten zwischen verschiedenen Leistungserbringern hin- und hergeschoben werden. Gerade bei psychischen Erkrankungen, chronischen Leiden und komplexen Krankheitsbildern können unterlassene oder verspätete Behandlungen erhebliche Folgekosten verursachen.

Die Patientenperspektive muss verbindlich einbezogen werden

Die LIPO begrüsst den Dialog zwischen den Akteuren des Gesundheitswesens. Die Patientenperspektive muss dabei jedoch mehr sein als eine formelle Anhörung. Die Interessen der Versicherten und Patientinnen und Patienten müssen bei der Ausgestaltung und Beurteilung der Massnahmen tatsächlich berücksichtigt werden.

Dazu gehören die Zugänglichkeit der Versorgung, die Behandlungsqualität, die Wahlmöglichkeiten, die Information und insbesondere die finanzielle Tragbarkeit notwendiger medizinischer Leistungen.

Ein Gesundheitssystem darf nicht dazu führen, dass jemand aus finanziellen Gründen auf eine notwendige Behandlung verzichtet. Die Auswirkungen von Reformen auf Menschen mit geringem Einkommen, ältere Personen und Menschen mit gesundheitlichen oder sozialen Einschränkungen müssen deshalb besonders berücksichtigt werden.

Liechtenstein braucht eine langfristige Gesundheitsstrategie

Die aktuellen Reformen sollten nicht isoliert als Sparprogramm betrachtet werden. Vielmehr braucht Liechtenstein eine langfristige Strategie, die Finanzierung, Versorgungsqualität, Prävention, Gesundheitsförderung und die Zusammenarbeit der Leistungserbringer gemeinsam betrachtet.

Dazu gehören eine konsequente Stärkung der ambulanten Versorgung, eine bessere Abstimmung zwischen somatischer und psychiatrischer Versorgung, eine wirksame Prävention sowie eine transparente Überprüfung der tatsächlich erzielten Ergebnisse.

Auch die Prämienverbilligung muss als sozialpolitisches Korrektiv weiterentwickelt werden. Die Unterstützung muss jene Menschen erreichen, die tatsächlich darauf angewiesen sind. Ein Anspruch, der an administrativen Hürden scheitert, erfüllt seinen Zweck nicht.

Unser Anspruch: Ein finanzierbares Gesundheitswesen, in dem alle Verantwortung übernehmen

Die LIPO unterstützt Reformen, die nachweislich zu einer besseren und effizienteren Versorgung beitragen. Sie erwartet aber, dass alle Akteure ihren Beitrag leisten und sich auch selbstkritisch mit ihren eigenen Strukturen und Kosten auseinandersetzen.

Kostendämpfung darf nicht bedeuten, dass Patientinnen und Patienten mehr bezahlen und Leistungserbringer mit immer höheren Effizienzanforderungen konfrontiert werden, während die übrigen Systempartner ihre eigenen Kosten und Strukturen nicht in gleichem Mass hinterfragen müssen.

Die zentrale Messgrösse einer erfolgreichen Gesundheitspolitik darf nicht allein die Entwicklung der Gesundheitsausgaben sein. Entscheidend ist, ob die Bevölkerung auch künftig rechtzeitig, bedarfsgerecht und unabhängig von ihrer finanziellen Situation Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung hat.

Ein nachhaltiges Gesundheitswesen entsteht nicht dadurch, dass die Kosten einfach weitergegeben werden. Es entsteht dadurch, dass alle Beteiligten Verantwortung übernehmen, ihre Strukturen hinterfragen und gemeinsam für eine effiziente, bezahlbare und qualitativ gute Versorgung einstehen.

Liechtensteiner Patientenorganisation (LIPO)